Eine interreligiöse
Friedensvision für Israel/Palästina
Vorbemerkung:
Diese Friedensvision ist nicht dazu gedacht, eins zu eins umgesetzt zu werden;
die Präsentation des Bildes einer möglichen Lösung soll vielmehr zum Nachdenken
und zu einer Neubeurteilung der Situation anregen – denn die Vorstellungen und
die Gefühle der Menschen auf beiden Seiten müssen in Fluss kommen, wenn die
festgefahrene Lage überwunden werden soll. Erst dann kann sich eine Lösung
ergeben, mit der alle Parteien zufrieden sind.
Durch die Etablierung eines
jüdischen Staates in einem islamischen Kernland, nämlich Palästina, ist ein
Konflikt entstanden, der allen Bemühungen um eine Lösung trotzt und der
mittlerweile beinah zu einem neuen Ost-West-Konflikt geworden ist.
Nach Jahrzehnten intensiver Auseinandersetzung mit den
Religionen des Nahen Ostens meine ich, dass rein politische Versuche den
Konflikt zu keiner Lösung führen können,
Die heiligen Orte in Jerusalem
zwischen Tempelberg / Haram ash-Sharif und Grabeskirche
weil dieser Konflikt in seinem innersten Kern nicht
politisch ist. Es ist ein Konflikt der Identitäten, eher religiös als
politisch, ein Bruderzwist unter den Kindern Abrahams, auf den sich ja nicht
nur die Juden, sondern auch Muslime und Christen berufen.
Dieser Bruderzwist zeigt sich in aller Deutlichkeit in
dem Konflikt um den Tempelberg in Jerusalem, der das symbolische Herz des
gesamten Nahostkonflikts zu sein scheint. Da dieses kleine Grundstück mit den
Identitäten hunderter Millionen von Menschen verknüpft ist, ist der Zündstoff,
den es enthält, nahezu unerschöpflich. Und solange der Konflikt nicht gelöst
ist, kann meines Erachtens der ganze Nahe Osten nicht zur Ruhe kommen.
Aus diesen Einsichten ist für mich ein Bild einer Lösung
entstanden, das den Wert des Tempelbergs für die Identitäten von Juden und
Muslimen gleichermaßen berücksichtigt: ein gesamt-abrahamisches Heiligtum, das
einen neuen Tempel der Juden einschließt.
Wenn manche Juden nun einwenden: wir brauchen keinen
Neuen Tempel oder wir wollen gar keinen, dann möchte ich entgegnen: Es sind
nicht die Juden, die einen neuen jüdischen Tempel brauchen, es sind die
Muslime: Seit die Juden wieder in ihre biblische Heimat zurückgekehrt sind,
haben viele Muslime nämlich Angst um ihre Heiligtümer dort. Sie wissen, dass
ihre heiligen Stätten auf dem Gelände des ehemaligen Tempels stehen und dass
sie daher eines Tages dem Tempel zum Opfer fallen werden. Das macht ihnen
Angst.
Und diese Angst kann ihnen letztlich nur ein realer
neuer jüdischer Tempel nehmen.
Mein Lösungsbild zeigt einen Weg, wie sich der Traum der
Juden von einem Neuen Tempel erfüllen kann, ohne dass den Muslimen etwas
genommen wird. Alle drei abrahamischen Religionen werden auf diese Weise als
Sieger aus dem Konflikt hervorgehen.
Und die Welt wird aufatmen können, denn was aller
Anti-Terror-Kampf nicht vermag, wird auf diese Weise möglich werden:
Entspannung und Frieden.
Wie kann das gehen?
Die erste Voraussetzung dafür ist, dass sich die Juden
klar machen, wie sie in diesem Konflikt ihre Berufung erfüllen können,
auserwähltes Volk zu sein. Ein wahrhaft auserwähltes Volk wird in einer solchen
Lage heilend wirken wollen.
Und als Heiler werden die Juden bemerken und anerkennen,
dass die Muslime sich ernsthaft darum bemühen, dem Lebensziel ihres gemeinsamen
Stammvaters Abraham gerecht zu werden, nämlich Frieden zu erlangen durch
Hingabe an Gott. Damit werden sie die Muslime als ihre wirklichen Brüder und
Schwestern erkennen.
Ähnlich wird es den Juden mit den Christen gehen, denn
auch sie bemühen sich mit all ihrer Kraft darum, Gottes Ruf zu folgen. Und
damit sind auch sie ihre authentischen Brüder und Schwestern.
Durch diese tiefen Einsichten erwächst den Juden eine
neue Aufgabe, nämlich als verbindendes Element zwischen den Kindern Abrahams zu
wirken.
Und das wird dazu führen, dass sich ihre Vision eines
Neuen Tempels grundlegend wandelt: Weil ihnen jetzt eine Mittlerfunktion
zwischen den Kindern Abrahams zukommt, sehen sie den Platz für Ihren neuen
Tempel jetzt nämlich nicht mehr auf dem Tempelberg, wo die vorangegangenen
Tempel gestanden hatten, sondern als Brücke zwischen den Heiligtümern der
Muslime auf dem Tempelberg und dem alten Heiligtum der Christen, der
Grabeskirche.
Und da die Juden die Muslime als ihre wahren Brüder und
Schwestern erkannt haben, können sie den Tempelberg jetzt ganz den Muslimen
überlassen.
Möglicherweise werden die Muslime von dieser großen
Geste der Juden tief bewegt werden. Sie werden ihre Beziehung zu ihnen neu
betrachten und beginnen, das alte Gesetz der Sharia zu überdenken, das Angehörige anderer Religionen im
islamischen Raum dazu verpflichtet, sich dem Islam unterzuordnen. Sie werden
Rat im Koran suchen und finden, dass Gott dort von einem „Wettbewerb der
Tugend“ zwischen den abrahamischen Religionen spricht. Damit wird den Muslimen
geboten, die Vielfalt der drei abrahamischen Religionen zu begrüßen – sogar
innerhalb des traditionell islamischen Gebiets. Und das eröffnet eine völlig
neue Perspektive: dauerhafter Friede mit dem Staat Israel wird jetzt auch von
der Sharia her möglich.
Und nur Gott weiß, zu welch anderen friedvollen Gesten
die Muslime bewegt werden, wenn ihnen die Großherzigkeit der Juden bewusst
wird.
Mit dem Entschluss der Juden, zu Heilern zu werden, ist
der entscheidende Wendepunkt eingetreten. Er wird den Angehörigen aller drei
abrahamischen Religionen Gelegenheit geben zu jubeln und ein großes
Friedensfest zu feiern. Da der Tempel als Brücke zwischen den Kindern Abrahams
dienen wird, ist der Friede bereits greifbar. Seine Errichtung wird ein großes
gesamtabrahamisches Heiligtum schaffen und damit die geistige Einheit der drei
Religionen bestätigen und gleichzeitig ihre wunderbare Vielfalt darstellen.
Was aber ist mit den nichtreligiösen Angehörigen dieser
drei Kulturgruppen?
Nicht erst in unserer Zeit zeigt sich, wie
verhängnisvoll, ja geradezu mörderisch religiös definierte Identitäten werden
können, wenn sie sich als allein gültig betrachten. Doch gerade der Stammvater
der drei Kulturgruppen, Abraham, kann diese Gefahr ausschalten. Er hat ja seine
Familie, sein Land und seine ganze Tradition hinter sich gelassen, um unter
völlig unbekannten Umständen, in einem fremden Land, völlig auf sich gestellt,
die Wahrheit über das Leben neu zu entdecken. Eine ähnliche Skepsis und
ähnliches Vertrauen in die eigene innere Führung wie in Abraham wirkt heute in
den nichtreligiösen Angehörigen der drei Kulturen. Auch sie misstrauen ihrer
Tradition, weil sie unter deren Problemen leiden und sie suchen daher selbst
nach der Wahrheit. Darin sind sie dem Stammvater der drei Traditionen treu. –
Natürlich sind die Nichtreligiösen keine Heiligen und viele von ihnen werden
ebenso gefährliche Identitäten ausbilden. Aber die Nichtreligiösen spielen eine
wichtige Rolle in der Lösung des Konflikts, indem sie zeigen, dass dieses neue
Heiligtum ein Ort der Bewusstheit sein muss und nicht nur ein Ort, der eine
Tradition reproduziert. Und das große abrahamische Heiligtum wird tatsächlich
ein Ort der Bewusstheit sein, weil es die schon sehr unterschiedlichen
Traditionen der Juden, Christen und Muslime zusammenführt und darüber hinaus
auch noch diejenigen einschließt, die sich von diesen Traditionen losgesagt
haben, um selbst die Wahrheit zu entdecken. Dieses große Heiligtum wird daher
ein Ort fundamentalen Menschseins sein, und es wird dadurch wirkliche Erlösung
hervorbringen.
Mit anderen Worten: Er wird die Menschen, die zu ihm
kommen, richten, wie ein guter Arzt seine Patienten richtet, nämlich indem er
sie heilt.
Bis jetzt ist jeder einzelne der abrahamischen Wege in
Gefahr, zu einem rein selbstbezogenen Weg zu werden, und die Menschen, die ihn
gehen, sind in Gefahr, sich in ihren Schmerz und in ihren Stolz hineinfallen
lassen, nur um dann die Angehörigen der jeweils anderen Wege als die Schuldigen
zu betrachten. Doch an dem Ort, an dem alle diese Wege zusammentreffen, nämlich
in dem großen neuen pan-abrahamischen Heiligtum, können alle ihren gemeinsamen
Ursprung sehen und damit auch die Möglichkeit, in Frieden zusammen zu leben.
Gottfried
Hutter,
Theologe, Historiker, München
Tel. +49-89-4471 8971, gottfried.hutter@gmx.de
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